Anzeige

Wo stehe ich beruflich?

«viamia»: Mit «viamia» steht Personen ab 40 Jahren seit diesem Jahr eine kostenlose Möglichkeit zur beruflichen Standortbestimmung zur Verfügung. Im Gespräch erklärt Projektleiter Urs Brütsch das neue Angebot.

Urs Brütsch ist Projektleiter «viamia» der Schweizerischen Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung (KBSB). Bild: zvg

1.06.2021

Urs Brütsch, warum braucht es für über 40-Jährige ein spezielles Beratungsangebot?

Grundsätzlich sind über 40-Jährige in einer ganz anderen Lebenssituation und haben einen anderen Horizont als 20-Jährige. Sie verfügen über profunde Berufs- und Lebenserfahrung, die wir bei der Beratung bei «viamia» miteinbeziehen können. Viele Menschen im mittleren Alter sind grundsätzlich glücklich mit ihrer Arbeit. Damit diese Zufriedenheit auch zukünftig anhält und jemand im Job weiterhin gefragt bleibt, kann eine Standortbestimmung sehr hilfreich sein. Zusammengefasst geht es uns darum, die bestehende und die zukünftige Arbeitsmarktfähigkeit zu evaluieren und bei Bedarf zu fördern.
  

Wie läuft eine «viamia»-Beratung ab, und wer ist zuständig?

Die Beratungen werden von den kantonalen Berufs-, Studien- und Laufbahnberatungsstellen durchgeführt. Im Erstgespräch mit einer Beratungsfachfrau oder einem -fachmann werden zuerst die Ressourcen und die Erfahrungen erhoben, um die aktuelle Arbeitsmarktfähigkeit zu analysieren. Wichtig ist auch, die persönliche Motivation für die Arbeit und die Branche zu definieren, in der jemand tätig ist. Auch der aktuelle Arbeitgeber und die Familie sind wichtige Faktoren, die miteinbezogen werden müssen. Aufgrund der Faktenlage definiert die beratende Person allfällige Massnahmen, die bestenfalls vom Arbeitgeber unterstützt oder aber privat veranlasst werden, wie etwa eine Weiterbildung oder die Übernahme neuer Funktionen im Betrieb. 

Kommt eine Neuorientierung oft vor? Welche Zwischenbilanz ziehen Sie nach knapp fünf Monaten?

Wir stellen fest, dass absolute Neuorientierungen eher selten vorkommen. Von den etwa 1000 Gesprächen, die wir in den Pilotkantonen bis Ende März geführt haben, wissen rund ein Drittel der Personen nach dem ersten Gespräch bereits, wie ihre Arbeitsmarktfähigkeit aussieht und ob sie Massnahmen ergreifen möchten. Bei etwa 600 Personen kam es zu einem Zweit- oder Drittgespräch, das dann zu einem Resultat geführt hatte. Es freut mich sehr, dass bei einer nachträglichen Befragung fast 100 Prozent der Ratsuchenden mit unserer Dienstleistung sehr zufrieden waren. Tendenziell nutzten vorwiegend gut qualifizierte Personen das Angebot, die dann oft eine sehr gute Arbeitsmarktfähigkeit aufweisen. Doch unterstützt «viamia» auch Wiedereinsteigerinnen oder Personen, die sich wegen Corona neu orientieren wollen oder müssen.

Was sind typische Fragen an «viamia»?

Interessenten wollen vor allem wissen, wie ihre berufliche Perspektive mittel- und langfristig aussieht. Interessanterweise möchten die meisten auch erfahren, wie sie sich noch fehlende Fachkompetenzen aneignen können und in welcher Form sie diese Wissenslücken am besten schliessen. Oft wollen die Ratsuchenden ihre Stelle behalten und sich berufsbegleitend weiterbilden.

Es macht also Sinn, «viamia» zu beanspruchen, auch wenn ich meine Stelle nicht wechseln will?

Auf jeden Fall! Wir fokussieren unsere Beratung auf Bestehendes. In dem Sinne ist es keine Laufbahnberatung, die fast immer eine Veränderung mit sich bringt. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Beratungskosten zu 80 Prozent vom Bund übernommen werden. Die restlichen 20 Prozent werden vom Kanton finanziert – somit steht dieses Angebot wirklich allen über 40-Jährigen uneingeschränkt zur Verfügung.

Wann sind alle Kantone dabei?

Zum einen sind wir noch in der Pilotphase, zum anderen ist die Finanzierung je nach Kanton etwas anders geregelt. Wo die Berufsberatung nicht beim Kanton angegliedert ist, muss der Finanzierungsschlüssel anders ausgestaltet werden. Es könnte auch sein, dass es eine Gesetzesanpassung braucht, um die Finanzierung zu klären. Diese Massnahmen sind zurzeit in Abklärung. Wir hoffen aber, dass bis 2022 alle Kantone mitmachen. Interview: Mona Burri

Beratungsangebot «viamia»

Wo stehe ich beruflich? Was bedeuten Veränderungen im Arbeitsmarkt für mich? Solche Fragen lassen sich durch die berufliche Standortbestimmung «viamia» – eine Initiative von Bund und Kantonen – beantworten. Das Angebot «viamia» besteht in der persönlichen Beratung und dem Planen weiterer Entwicklungsschritte. Das Projekt wird ab 2021 als Pilotversuch in elf Kantonen (BE, BL, BS, FR, GE, JU, TI, VD, VS, ZG, ZH) durchgeführt und laufend evaluiert. Die Ergebnisse dienen dazu, das Angebot zu verbessern und idealerweise ab 2022 auf die ganze Schweiz auszuweiten. Für Personen ab 40 Jahren, die keinen Anspruch auf vergleichbare Abklärungs- und Beratungsangebote von ALV, IV oder Sozialhilfe haben, ist «viamia» im jeweiligen Wohnkanton kostenlos.

www.viamia.ch