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Lernen als Anti-Aging fürs Gehirn?

Lebenslanges Lernen aus Sicht der Neurowissenschaft

Prof. Lutz Jäncke ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Er ist Autor und Herausgeber massgebender Studien zum Thema Kognitive Neurowissenschaften. Sein neustes Werk «Von der Steinzeit ins Internet» befasst sich mit der möglichen Zukunft des Menschen im Zuge der technischen Digitalisierung. Bild: zvg

1.09.2021

Ab dem 50. oder 55. Lebensjahr bemerken viele Menschen, dass ihr Gedächtnis etwas nachlässt. Auch scheint man nicht mehr so gut zu lernen, ist schneller müde und weniger aufmerksam. In der Regel findet man sich damit ab und denkt, dass dies eine unliebsame, aber mehr oder weniger normale Begleiterscheinung des Alterns ist. Aber muss dies so sein? Sind wir wirklich unausweichlich einem unangenehmen Alterungsprozess ausgesetzt, der uns die Fähigkeit für das Lernen vermiest? 

Aktuelle neurowissenschaftliche Studien belegen etwas anderes. Natürlich verändert sich das Gehirn im Alter. So nimmt zum Beispiel das Hirnvolumen ab dem 70. Lebensjahr pro Jahr im Durchschnitt um ein halbes Prozent ab. Viele Studienergebnisse zeigen aber auch, dass ältere Menschen noch lernen können. Dadurch schränken sie den Hirnabbau ein oder verhindern ihn sogar.  

Berufsmatura

Es sind nicht spezielle Medikamente, welche dem geistigen Abbau entgegenwirken, es ist vielmehr das eigene Verhalten. Vor allem drei «Anti-Aging-Massnahmen» sind im Alter wichtig: 1. soziale Aktivität, 2. körperliche Aktivität und 3. geistige Aktivität. Nutzt man diese Aktivitäten im Alter häufig, dankt das Gehirn mit einem eingeschränkten Abbau und man bleibt fit.

Natürlich müssen medizinische Probleme, wie Bluthochdruck und Diabetes korrigiert und kontrolliert werden. Aber letztlich sind es die Lebensstile, welche ein erfolgreiches Altern ausmachen.

Wichtig hierbei ist auch die Selbstkontrolle. Dies ist die Fähigkeit, die eigenen Handlungen zu kontrollieren und sich nicht durch störende und aktuell unwichtige Anreize verleiten zu lassen. Sie wird über ein Hirngebiet vermittelt, das die Neurowissenschafter den Frontalkortex oder das Stirnhirn nennen. Selbstkontrolle ist notwendig, um bis ins hohe Alter körperlich, sozial und geistig rege zu bleiben.

Im vorangeschrittenen Alter kann man einen neuen Beruf beginnen oder ein neues Hobby lernen. Das Gehirn des Menschen ist im Alter nicht lerneingeschränkt. Es kann lernen und, was sehr wichtig ist, Freude aus dem Erfolg des Lernens gewinnen. Diese Freude und der Stolz, etwas Neues gelernt zu haben, ist Motivation für die nächsten Schritte und schenkt uns Lebensfreude.

Ich bin sicher, dass der Jurist den im Alter selbst gewählten neuen Beruf als Lehrer als Herausforderung sieht. Auch die Frau, die heute als Turnlehrerin arbeitet, wird ihre neue Beschäftigung als Bereicherung ihres Lebens erfahren.

Der Mensch ist von Natur aus ein neugieriges Wesen. Er braucht Ziele und Aufgaben, um ein zufriedenes Leben zu gestalten. Die Natur hat uns ein lernfähiges, ja lernwütiges Gehirn geschenkt. Nutzen wir es doch, um auch unser Alter mit Lebensfreude und Produktivität zu geniessen!