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«Die Schweiz ist ein Natursteinland»

Baumaterial - Naturstein boomt und spiegelt damit auch das Bedürfnis der Gesellschaft nach Natürlichkeit und Nachhaltigkeit wider.

Hausfassade aus San Bernardino Gneis: Network-Firmensitz in Sursee. Bild: zvg

11.05.2021

Jürg Depierraz ist Präsident von Pro Naturstein und weiss um die Vorzüge und die Vielfalt von Natursteinen. Die Arbeitsgemeinschaft aus elf führenden Natursteinbetrieben der Schweiz fördert das allgemeine Interesse und den fachgerechten Einsatz von Naturstein in allen Anwendungsbereichen. Im Gespräch wird klar: Es gibt für alles und für jeden den richtigen Stein.

Jürg Depierraz, haben Sie einen Lieblingsstein?

Alle Natursteine haben ihre Schönheit; bei einigen muss man sie einfach etwas länger suchen. Aber Attraktivität ist bekanntlich nicht alles. Auch beim Material Naturstein, im Fachjargon Naturwerkstein genannt, kommt es vor allem auf die inneren Werte an.

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Erzählen Sie uns mehr über die inneren Werte.

Ich denke dabei an Treue, sprich Langlebigkeit, Sensibilität oder Empfindlichkeit, die das Zusammenleben beispielsweise einfacher oder komplizierter machen. Ist der Stein etwa frostbeständig, pflegeleicht oder säureempfindlich?

Erleben wir eine neue Steinzeit?

Jein. Naturstein ist ein ausgesprochen zeitloses Material. So gesehen ist immer Steinzeit, nur manchmal etwas weniger, wie zu Beginn des Betonzeitalters, und manchmal etwas mehr, so wie heute wieder. Natürlichkeit, Nachhaltigkeit und Wertbeständigkeit stehen in unserer Gesellschaft zurzeit bekanntlich hoch im Kurs; das kommt auch dem Naturstein zugute.

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Wie steht es mit der Natursteinvielfalt in der Schweiz?

Die Vielfalt ist grösser, als es die meisten vermuten. Natursteine kommen auch bei uns in zahlreichen Farben und unterschiedlichen Strukturen vor. Bei seltenen Materialien lohnt sich der Abbau aber oft nicht oder nicht mehr. Es kann auch sein, dass andere Gründe – etwa umständliche Transporte oder der Landschaftsschutz – gegen einen Abbau sprechen.

Wieso gehen die meisten in der Schweiz vorkommenden Steine farblich in den Graubereich?

Die meisten Sandsteine sind aus den Ablagerungen der urzeitlichen Alpenflüsse entstanden. Entsprechend befinden sich die meisten Sandsteinbrüche am Alpenrand oder im Molassebecken des Mittellandes. Und weil die Alpen überwiegend aus grauen Graniten und Gneisen bestehen, sind natürlich auch viele unserer Sandsteine grau. Nicht vergessen werden dürfen aber die farblich anderen Gesteine, insbesondere die beigen bis gelben Kalksteine im Juragebiet und die grünlichen Gneise im Bündnerland und im Wallis.

Welche Vorteile bieten Natursteine?

Das hängt stark vom Naturstein und dessen Anwendungsbereich ab. Pauschal lässt sich sagen: Natursteine für den Aussenbereich sind frostbeständig. Bei Innenanwendungen achtet man bei der Auswahl darauf, dass das Gestein flegeleicht und säurebeständig ist. Bei einem Kunstwerk aus Stein spielen ganz verschiedene Faktoren eine Rolle – beispielsweise der Standort, die Formgebung oder die verlangte Detailgenauigkeit. Zudem spielen vor allem bei fein bearbeiteten – beispielsweise geschlienen oder polierten – Objekten auch die Farbe und die Maserung, also die Textur, eine wichtige Rolle.


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«Schweizer Naturstein hat eine besonders vorteilhafte Ökobilanz.»

Jürg Depierraz, Präsident von «Pro Naturstein»


Welches sind die beliebtesten Schweizer Natursteine?

In der Stadt und in der Region Bern ist wohl der grünlich-graue Berner Sandstein der beliebteste, weil er dort vorkommt und die gesamte historische Altstadt aus diesem Material besteht. Dagegen sind im Laufental, in Neuenburg oder in Solothurn die dort vorkommenden beigen Jurakalke gefragt, im Bündnerland und teils auch im Wallis die grünen, grünlichen und gräulichen Gneise und Quarzite, im Tessin die vielfältigen grauen Gneise und in der Zentral- und Ostschweiz schliesslich die grauen Sandsteine. Es verhält sich hier ganz ähnlich wie bei regionalen Speisen: St. Galler schwören auf ihre Bratwürste, Walliser aufs Raclette, Tessiner auf Risotto und Basler auf Leckerli oder die Mehlsuppe.

Wie tre­e ich die richtige Auswahl des Steins?

Der helle und freundliche Jurakalk wird gerne für die Gestaltung von Mauerwerk benutzt. Bild: zvg
Der helle und freundliche Jurakalk wird gerne für die Gestaltung von Mauerwerk benutzt. Bild: zvg

Recherchieren können Sie vorgängig im Internet. Wir haben auf unserer Website eine Natursteindatenbank mit Oberflächenbildern von 160 Gesteinen aus der Schweiz und der ganzen Welt. Hier finden Sie auch nächstgelegene Steinbrüche. Allerdings sollte man sich keine Natursteine direkt im Internet kaufen. Sobald Sie eine erste Vorauswahl getroen haben, wenden Sie sich am besten an einen Natursteinprofi in Ihrer Nähe. Meist gibt es dort einen Showroom, wo Musterplatten in unterschiedlichen Oberflächenbearbeitungen und Anwendungsbeispielen gezeigt werden. In der Realität sehen die Gesteine oft ziemlich anders aus als auf dem hinterleuchteten Bildschirm. Zudem können Natursteine auch innerhalb der gleichen Sorte grosse Unterschiede aufweisen.

Wie ist die Ökobilanz von Schweizer Naturstein?

Naturstein kommt quasi als Fertigmaterial in der Natur vor, muss also nicht noch extra hergestellt werden. Für den Energieaufwand fallen daher nur der Abbau, der Transport, die Verarbeitung ins Gewicht. Schweizer Natursteine weisen allein schon deshalb eine besonders vorteilhafte Ökobilanz auf, weil der Transport nur über kurze Strecken erfolgen muss. Aber auch bei der Gewinnung werden in unserem Land besonders hohe Anforderungen an die Ökologie gestellt. Ich denke hier zum Beispiel an die Rekultivierungspflicht in Steinbrüchen. Kommt dazu, dass Natursteinobjekte besonders langlebig sind. Müssen sie aber doch einmal entsorgt werden, entstehen keine giftigen Abfälle, und das Material lässt sich problemlos dem Recycling zuführen.

Gibt es eine Art Label, das Naturstein garantiert?

Es besteht ein europäisches Label als Beleg dafür, dass es sich bei einem bestimmten Material tatsächlich um Naturwerkstein handelt und nicht etwa um Steinzeug, Keramik oder Kunststein. Auf den ersten Blick können manche der genannten Materialien nämlich recht ähnlich aussehen. Ausserdem gibt es mehrere Labels, die für eine nachhaltige und sozial verträgliche Produktion stehen – der NVS hat auf seiner Website ein Kapitel über Corporate Social Responsibility, kurz CSR, integriert. Solche Zertifizierungen spielen vor allem im Handel von Naturwerksteinen aus Entwicklungs- und Schwellenländern eine Rolle.

Wie sollte ich Naturstein behandeln?

Das kommt auf den Stein an. Sandstein-Oberflächen sind meist weniger kompakt als solche aus Granit. Farbige Flüssigkeiten, beispielsweise Rotwein oder Sprays, können daher relativ schnell in den Stein eindringen und so hartnäckige Flecken verursachen. Mit entsprechenden Schutzmitteln, etwa Imprägnierungen oder Graffitischutz, kann solchen Schäden vorgebeugt werden. Marmor und andere Kalkgesteine oder kalkhaltige Steine sind säureempfindlich. Darauf muss vor allem bei der Reinigung geachtet werden. Fachleute geben Ihnen zu jedem Stein entsprechende Auskünfte. Als Mieter sollten sie sich erkundigen, was in der Küche oder im Bad verarbeitet wurde.

Welche Innovationen gibt es?

Auch in der Naturwerksteinbranche steht die Zeit natürlich nicht still. Die rasant fortschreitende Digitalisierung und die damit verbundene zunehmende Automatisierung haben die Produktivität in der Natursteinbranche in jüngster Zeit erheblich gesteigert. Automaten oder Roboter werden inzwischen immer häufiger auch für die Herstellung hochkomplexer dreidimensionaler Spezialteile eingesetzt. Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten und Kosteneinsparungen bei der Produktion von Lavabos oder Fassadenelementen. Dominique Simonnot

Weitere Informationen
rund um Natursteine unter: www.pronaturstein.ch